GEschichte

Weitwandern auf den Spuren der Säumer

Spuren vergangener Saumwege, die Teil eines weiten transalpinen und transkontinentalen Wegenetzes waren, verweisen auf eine frühe Begehung und menschliche Nutzung des subalpinen und alpinen Gebirgsraumes. Bei archäologischen Feldarbeiten konnten am Felber Tauern Feuersteine gefunden werden, die auf eine steinzeitliche Nutzung zurückzuführen sind. Zusätzlich konnten keltische und römische Münzen, ein keltisches Fibelfragment sowie ein römischer Schuhnagel geborgen werden. Pollenanalysen belegen, dass das Nassfeld in der Mittelbronzezeit (1.600 – 1.300 v.Chr.) als Hochweide genutzt wird. Parallel dazu lassen Siedlungszeiger eine Begehung des Alpenübergangs vermuten. Am Beginn der Urnenfelderzeit (ca. 1.200 v.Chr.) kommt es durch Klimaverschlechterung zum Erliegen der menschlichen Nutzung. Im Anschluss lassen sich weitere fünf Nutzungsphasen differenzieren. Dabei zeigt sich, dass die Weidewirtschaft jeweils früher endete, während der Saumweg noch eine Zeit lang weiterhin benutzt wurde. Diese wissenschaftlichen Untersuchungen belegen, dass der Felber Tauern seit prähistorischer Zeit und insbesondere dann von den Kelten und Römern zu regem Transithandel begangen wurde. Der Güterverkehr wurde speziell in römischer Zeit intensiviert und vielerorts wurden die Saumwege und Straßen ausgebaut. Der Felber Tauern blieb aber immer ein mehr oder weniger gut ausgebauter Saumweg. Die Völkerwanderungszeit führte zu einem starken Rückgang der Tauernverkehrs. Die Tauernübergänge spielten erst wieder im Mittelalter für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Salzburgs und des süddeutschen Raumes eine wichtige Rolle. Im 12. und 13. Jahrhundert kam es zu einem sprunghaften Anstieg des Handelsverkehrs. Auf den Salzburger Tauernübergängen war im gesamten Mittelalter jedoch kein Wagenverkehr, sondern nur Saumverkehr möglich.

Als Tauern bezeichnete man in frühen Jahrhunderten nicht das hohe Gebirge im Süden Salzburgs, sondern die eisfreien Übergänge darüber. Einer der bekannten historischen Tauernübergänge ist der Felber Tauern (2.481 m), der den Süddeutschen und Salzburger Raum mit Aquilea und Venedig im Süden verbindet.

Die Säumerei

Die Säumerei war ein wichtiger bäuerlicher Nebenerwerb. Der Name „Säumer“, in der Mundart „Samer“, leitet sich von der Bezeichnung Saum ab, dem Frachtvolumen, das ein Tragtier (Pferd, Multier, Esel) transportieren konnte. Ein Roßsaum war in etwa 150 kg. Als Tragtiere wurden meist Pinzgauer Noriker verwendet. Für den Salztransport wurde das Pferd mit zwei Salzstöcken beladen, die Fuder genannt wurden, aber auch Bruchsalz wurde transportiert. Der Wein wurde rechts und links des Saumtieres in sogenannten Lageln (vom lateinischen „lagena“ = Flasche) aufgeladen. Mit dem Inhalt von knapp über 60 Litern und der Beladung eines Saumpferdes mit zwei Lageln wurde bei der Weinsäumerei in etwa die gleiche Last wie beim Salztransport erreicht. Im Schnitt legten die Saumrosse in der Ebene täglich etwa 35 km zurück. Wichtigstes Handelsgut über die Tauern in Nord-Süd-Richtung war stets das Salz, aber auch Fleisch und Felle. Als Rückfracht wurden von den Säumern unter anderem Südtiroler und Friauler Weine und Branntweine, die „Venezianer Ware“ Gewürze, Samt, Seide und Glas sowie Decken und getrocknetes Südfrüchte mitgeführt.

Zwei Säumergruppen waren unterwegs, die Mittersiller oder Salzburger Säumer und die „Übertäurer“, die Osttiroler und Kärntner (Gailtaler) Säumer. Sie waren die Spediteure des Mittelalters, sie hielten den Frachtverkehr aufrecht. Aber auch ärmere Bauernsöhne, Häusler und Knechte versuchten als Kraxenträger, die hauptsächlich Branntwein und schwere Lasten (bis zu 80 kg) auf ihren Rücken transportierten, durch Saumhandel wirtschaftlich zu überleben. Als Säumer wurden jene Handlungsreisenden bezeichnet, die mit einer größeren Anzahl von Tragtieren über weite Entfernungen unterwegs waren. Großsäumer waren jene mit mehreren Knechten und mit bis zu 20 – 50 Pferden. Viel zahlreicher traten aber die kleinen Säumer auf, die überwiegend aus dem Bauernstand stammten und allein mit einem oder zwei Pferden ihre Fahrten unternahmen. Für den Weg über den Tauern schlossen sich alle für gegenseitige Hilfestellungen zu „Karawanen“ zusammen Kleinsäumer, Kraxenträger, Handwerker (Weber, Wagner, Kessel- und Pfannenflicker, Schuster etc.), Händler, Kaufleute, Vogelhändler, Pilger, Arbeitssuchende, Gelegenheitsarbeiter(Jätergitschen etc.), Beamte, Postdienst. Bis weit in die Neuzeit bildete die Säumerei den wichtigsten Nebenerwerb der Alpenländer. Bei manchen Bergbauern mag die Säumerei vor der Landwirtschaft sogar das Hauptgewerbe dargestellt haben. Dies erklärt die hohe Frequenz des Saumverkehrs trotz der schwierigen Verhältnisse im Winterhalbjahr. Im Sommer waren die Bauern zur Erntezeit im Juli und August von ihren Höfen unabkömmlich.

Auch Vieh wurde zu manchen Zeiten in großen Mengen über den Felber Tauern getrieben. Die bekannten Viehmärkte in Matrei und in Mittersill waren für viele Bauern und Viehhändler aus dem Tiroler Grenzgebiet, dem Salzburgischen und aus Bayern wichtige Handelstreffen. Vieh war in Osttirol und Oberkärnten oft wesentlich billiger als im Pinzgau. Dies veranlasste viele Händler dort große Kontingente von Rindern anzukaufen, um sie dann im Pinzgau und bayerischen Raum mit beträchtlichen Gewinn zu verkaufen.

Die Tauernhäuser

Die Tauernhäuser bildeten wichtige Stützpunkte auf dem Weg über die Tauern, um den Dauer des Übergangs auf ein Mindestmaß zu verkürzen, sodass keine langen Wegstrecken ohne Zufluchtsmöglichkeit entstehen sollten. Sie gehen auf Schwaigen der hochmittelalterlichen Besiedlungsgeschichte zurück und erhielten von den Salzburger Erzbischöfen regelmäßige Getreidezuwendungen. Dafür hatten sie die Verpflichtung Wege zu markieren, instand und offen zu halten, arme Reisende unentgeltlich zu beherbergen und zu verköstigen, Reisenden Hilfestellungen bei Gefahr und Notfällen zu geben. Auf der Nordseite des Felber Tauerns sind dies die Tauernhäuser Spital (1.170 m), welches urkundlich bereits um 1200 genannt wurde, und Schößwendt (1.096 m), das 1329 erstmals in einer Urkunde erwähnt wurde. Während dem Tauernhaus Spital, so wie auch der Name hinweist, von Anfang an eine besondere Aufgabe als Pilgerherberge und Unterkunft für Reisende zugedacht war, erhielt das Tauernhaus Schößwendt entsprechend seiner Lage an der Enge des Tals die Aufgabe als Zoll- und Mautstation, um die Einfuhr von Vieh, Wein und Branntwein zu kontrollieren. Die Schwaigen Rain und Reit dienten ebenso dem Tauernverkehr, ohne aber alle Aufgaben eines Tauernhauses erfüllen zu müssen. Auf der Südseite des Tauerns hatten die Besitzer des Matreier Tauernhauses (1.512 m) dagegen wieder die vollen Pflichten zu erfüllen. Eine ähnliche Funktion wie die Tauernhäuser Spital und Schößwendt erfüllte im Norden von Mittersill das Tauernhaus Pass Thurn. Diese Wacht- und Zollstation diente auch als Raststation und Herberge für Reisende. Die Verbindung des Pinzgaus mit den damaligen Salzburger Herrschaften im Windisch-Matrei und in Lengberg war für die Salzburger Erzbischöfe als Landesherren von großer Bedeutung. Dies dokumentieren neben den fünf Tauernhäuser und die alten Burgen und späteren Schlösser Mittersill, Weißenstein und Lengberg sowie die Ruine Kienburg auf dieser Route. Etwa ab 1700 bis 1816 wurde auch ein regelmäßiger Postbotenbetrieb aufrechterhalten. Eine starke Einbuße erlitt der Tauernhandel als 1814 die Grenze Salzburgs bis zum Tauernkamm zurückgenommen werden musste.

Der Saumverkehr über den Felber Tauern war vor allem lokaler und regionaler Natur und hatte je nach geopolitscher Situation auch überregionale Bedeutung. Mit dem Ausbau des Radstädter Tauerns im Jahre 1519 nahm der Warenverkehr stark ab. Der Salz- und Weinhandel dauerte noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts und der Viehhandel noch bis ins 20. Jahrhundert. Eine größere Bedeutung hatte noch der Personenverkehr. Im 20. Jahrhundert wurden die Hohen Tauern durch den Bau der Tauernbahn über das Gasteinertal (1909), durch die Errichtung von der Großglockner Hochalpenstraße (1935) und der Felbertauernstraße (1967) sowie der Transalpinen Ölleitung (1967) Triest – Ingolstadt und der 380 KV Starkstromleitung wieder zu bedeutenden Nord-Südverbindungen. Die ehemaligen Tauernübergänge, die Saumpfade, spielen heute nur mehr als Viehtriebwege bzw. als Alpin- und Wanderwege eine lokale und touristische Rolle.

Neben dem Bergbau war es Jahrhunderte hindurch der transalpine Verkehr, der die Existenzgrundlage für die Bevölkerung in den entlegenen Gebirgstälern schuf. Säumerei, Handel und auch Schmuggel ermöglichten neben der Landwirtschaft erst ein Auskommen in erträglichem Rahmen.

Die Saumhändler

Die Saumhändler machten Geschäfte für Erzbischöfe, Salzfürsten, Schmiede, Schlosser, Ledermacher, Sattler, Tischler, Müller, Schneider, Schuster, Lebzelteer und Händler. Meistens im Namen reicher Landesfürsten oder Großgrundbesitzer, manchmal auch auf eigenes Risiko. Schutz, Unterkunft und Verbündete fanden sie in Tauernhäusern.

Sie lernten, dass es zum eigenen Wissen, die eigenen Handwerkskünste und die eigene Art zu arbeiten, essen, leben und feiern in der Ferne viele verschiedene, andere Arten und Weisen gab. Bereichert, beschenkt mit neuen Einflüssen, Ideen, Anregungen, Modeströmungen, Waren und technischem Knowhow – beispielsweise das Venezianergatter – kehrten sie wieder heim. Traditionelle Speisen wie das Kletzenbrot gehen auf die Säumer zurück. Ursprünglich wurden als Trockenfrüchte nur Kletzen verwendet, später kamen die von den Säumern transportierten südländischen Früchte (Feigen, Nüsse, Mandeln, Rosinen) dazu. Entlang der Saumrouten verbreiteten sie diese Lebensstile, Modeerscheinungen etc. die sich heute in vielen Traditionen wiederfinden. Beispielsweise haben die immateriellen Kulturerbe wie Pinzgauer Trester, Perchten oder Untergailtaler Sonntagstracht eine enge Verbindung zum Saumhandel. Neben dem Warenaustausch kam es somit zusätzlich zu einem vielfältigen Kultur- und Wissenstransfer. Der Saumhandel prägte die Kultur Salzburgs und des süddeutschen Raumes. Im Bereich Architektur, Musik und Kunst bestehen viele Verbindungen zwischen den Weltkulturerbestätten Venedig und Salzburg, die als Ziel-, Ausgangsorte und Umschlagplätze Wechselwirkungen aufweisen. Das verbindende Element waren die Säumer. 

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