GEschichte

Weitwandern auf den Spuren der Säumer und Cramars

Spuren vergangener Saumwege, die Teil eines weiten transalpinen und transkontinentalen Wegenetzes waren, verweisen auf eine frühe Begehung und menschliche Nutzung des subalpinen und alpinen Gebirgsraumes.

Der Übergang über das Hochtor war über 3.500 Jahre lang als kürzeste Nord-Süd-Verbindung ein zentraler Alpenübergang für den Handel zwischen Süddeutschland, Salzburg, Aquilea und Venedig. Diesen antiken Handelsweg nutzen schon Kelten und Römer wie archäologische Funde beweisen. Am Hochtor gab es ein römisches Passheiligtum, wo Opfergaben dargebracht wurden, um die Götter für einen sicheren Übergang gnädig zu stimmen. 

Der Güterverkehr wurde speziell in römischer Zeit intensiviert und vielerorts wurden die Saumwege und Straßen ausgebaut. Die Völkerwanderungszeit führte zu einem starken Rückgang der Tauernverkehrs. Die Tauernübergänge spielten erst wieder im Mittelalter für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Salzburgs und des süddeutschen Raumes eine wichtige Rolle. Im 12. und 13. Jahrhundert kam es zu einem sprunghaften Anstieg des Handelsverkehrs. Auf den Tauernübergängen war im gesamten Mittelalter jedoch kein Wagenverkehr, sondern nur Saumverkehr möglich.

Als Tauern bezeichnete man in frühen Jahrhunderten nicht das hohe Gebirge im Süden Salzburgs, sondern die eisfreien Übergänge darüber. Einer der bekannten historischen Tauernübergänge ist das Hochtor, das historisch sowohl Rauriser als auch Heiligenbluter Tauern (2.504 m) genannt wurde, das den Süddeutschen und Salzburger Raum mit Aquilea und Venedig im Süden verbindet.

In Fortsetzung der Tauernroute verlief der alte Handelsweg über den Plöckenpass in den Süden. Dieser hatte ebenfalls schon in der Antike eine wichtige Rolle als Alpenübergang, er war Teil des alpinen Handelsnetzes zwischen dem Mittelmeerraum und Mitteleuropa. Dort führte die römische Straße Via Julia Augusta über die Karnischen Alpen und verband Norditalien mit den Provinzen nördlich der Alpen. Der Plöckenpass war in römischer Zeit ein wichtiger strategischer Alpenübergang, der Militär, Handel und Verwaltung zwischen Italien und der Provinz Noricum verband. Im Mittelalter verfielen dort viele antike Anlagen, es führte nur mehr ein schmaler Saumweg über den Pass. Trotzdem blieb er eine wichtige regionale Verbindung zwischen Süddeutschland, Salzburg, Kärnten und Friaul, Aquilea und Vendig.  

Die Säumerei

Die Säumerei war ein wichtiger bäuerlicher Nebenerwerb. Der Name „Säumer“, in der Mundart „Samer“, leitet sich von der Bezeichnung Saum ab, dem Frachtvolumen, das ein Tragtier (Pferd, Multier, Esel) transportieren konnte. Ein Roßsaum war in etwa 150 kg. Für den Salztransport wurde das Pferd mit zwei Salzstöcken beladen, die Fuder genannt. Der Wein wurde rechts und links des Saumtieres in sogenannten Lageln (vom lateinischen „lagena“ = Flasche) aufgeladen. Im Schnitt legten Saumpferde in der Ebene täglich etwa 35 km zurück. Wichtigstes Handelsgut über die Tauern in Nord-Süd-Richtung war stets das Salz, aber auch Fleisch und Felle. Als Rückfracht wurden von den Säumern unter anderem Friauler und Südtiroler Weine und Branntweine, die „Venezianer Ware“ Gewürze, Samt, Seide und Glas sowie Decken und getrocknete Südfrüchte mitgeführt.

Die Säumer waren die Spediteure des Mittelalters. Als Säumer wurden jene Handlungsreisenden bezeichnet, die mit einer größeren Anzahl von Tragtieren über weite Entfernungen unterwegs waren.  Aber auch ärmere Bauernsöhne, Häusler und Knechte versuchten als Kraxenträger, die hauptsächlich Branntwein und schwere Lasten (bis zu 80 kg) auf ihren Rücken transportierten, durch Saumhandel wirtschaftlich zu überleben. Für den Weg über den Tauern schlossen sich alle für gegenseitige Hilfestellungen zu „Karawanen“ zusammen Kleinsäumer, Kraxenträger, Handwerker (Weber, Wagner, Kessel- und Pfannenflicker, Schuster etc.), Händler, Kaufleute, Viehhändler, Vogelhändler, Pilger, Arbeitssuchende, Gelegenheitsarbeiter (Jätergitschen etc.), Baumeister, Beamte, Postdienst. Bis weit in die Neuzeit bildete die Säumerei den wichtigsten Nebenerwerb der Alpenländer.

Die Saumhändler

Die Saumhändler machten Geschäfte für Erzbischöfe, Salzfürsten, Schmiede, Schlosser, Ledermacher, Sattler, Tischler, Müller, Schneider, Schuster, Lebzelter und Händler. Meistens im Namen reicher Landesfürsten oder Großgrundbesitzer, manchmal auch auf eigenes Risiko. Schutz, Unterkunft und Verbündete fanden sie in Tauernhäusern.

Sie lernten, dass es zum eigenen Wissen, die eigenen Handwerkskünste und die eigene Art zu arbeiten, essen, leben und feiern in der Ferne viele verschiedene, andere Arten und Weisen gab. Bereichert, beschenkt mit neuen Einflüssen, Ideen, Anregungen, Modeströmungen, Waren und technischem Knowhow – beispielsweise das Venezianergatter – kehrten sie wieder heim. Traditionelle Speisen wie das Kletzenbrot gehen auf die Säumer zurück. Ursprünglich wurden als Trockenfrüchte nur Kletzen verwendet, später kamen die von den Säumern transportierten südländischen Früchte (Feigen, Nüsse, Mandeln, Rosinen) dazu. Entlang der Saumrouten verbreiteten sie diese Lebensstile, Modeerscheinungen etc. die sich heute in vielen Traditionen wiederfinden. Beispielsweise haben die immateriellen Kulturerbe wie Pinzgauer Trester, Perchten oder Untergailtaler Sonntagstracht eine enge Verbindung zum Saumhandel. Neben dem Warenaustausch kam es somit zusätzlich zu einem vielfältigen Kultur- und Wissenstransfer. Der Saumhandel prägte die Kultur Salzburgs und des süddeutschen Raumes. Auch im Bereich Architektur, Musik und Kunst bestehen viele Verbindungen zwischen den Weltkulturerbestätten Venedig und Salzburg, die als Ziel-, Ausgangsorte und Umschlagplätze Wechselwirkungen aufweisen. Das verbindende Element waren die Säumer. 

Die Cramars

Den Säumern schlossen sich auch immer Cramars an. Sie waren im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit Wanderhändler aus der Region Carnia. Ihr Name kommt vom deutschen Wort „Krämer“ (Kleinhändler). Die meisten Cramars stammten aus Dörfern rund um Tolmezzo. Diese Gegend war arm und landwirtschaftlich schwierig zu bewirtschaften, deshalb suchten viele Männer im Winter oder saisonal Einkommen als Wanderhändler.

Die Cramars reisten zu Fuss über die Alpen, oft über den Plöckenpass und die Tauernübergänge und zogen durch weite Teile Mitteleuropas. Sie verkauften Gewürze, Stoffe und Tücher, kleine Haushaltswaren, Kurzwaren und Stoffzubehör, Schmuck und  Bücher, Gebetsbilder und Drucke. Manche Cramars spezialisierten sich auf Arzneimittel, Heilmittel und Apothekerwaren.

Die Cramars waren wichtig, weil sie abgelegene Regionen mit Waren versorgten, Handelskontakte zwischen den Alpen und Mitteleuropa schufen und ein frühes Netz von mobilen Händlern bildeten. Viele bauten sich feste Handelsrouten und Kundennetze auf. Die Händler gingen oft monatelang auf Wanderschaft, während ihre Familien zuhause in Carnia blieben. Manche Cramars wurden später wohlhabende Kaufleute und gründeten Geschäfte in Städten nördlich der Alpen. 

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